1882 – Der architektonische Traum

Stephan Sarter wurde als jüngster Sohn eines Bonner Gastwirts 1833 geboren. Nach einer Banklehre und zahlreichen Auslandsaufenthalten gelangte er als Börsenanalyst zu großem Reichtum, u. a. bei der Finanzierung des Suezkanals. 1881 erhob Herzog Georg von Sachsen-Meiningen Sarter in den Adelsstand. Bereits 1882 legte Baron Stephan von Sarter den Grundstein zu einem repräsentativen Wohnsitz: Schloss Drachenburg, einer Mischung aus Villa, Burg und Schloss. Das Düsseldorfer Architektenduo Leo von Abbema und Bernhard Tüshaus fertigte die ersten Pläne, die der in Paris lebende Architekt Wilhelm Hoffmann, ein Schüler des Kölner Dombaumeisters Ernst Friedrich Zwirner, überarbeitete. Die historistische Architektur und prachtvolle Ausstattung des Schlosses fanden schon unter Zeitgenossen viele Bewunderer. Sarter bewohnte sein Schloss jedoch nie. Seine Wahlheimat war Paris, wo der Junggeselle 1902 verstarb, ohne seinen Nachlass geregelt zu haben. Jakob Biesenbach, ein Neffe Sarters, kaufte das Schloss aus der Erbmasse.

1903 – Schloss Drachenburg wird Sommerfrische

Jakob Biesenbach hatte als Kind die Grundsteinlegung des Schlosses miterlebt und einige Zeit auf der nahe gelegenen Hirschburg gewohnt. Der Jurist beabsichtigte, Schloss Drachenburg touristisch zu erschließen. Er ließ den mittelalterlichen Burghof, der damals zum Anwesen gehörte, abreißen und baute an seiner Stelle 1904 ein Hotel im "Schweizer Stil". Im Park von Schloss Drachenburg errichtete Biesenbach "nordische" Blockhäuser als exklusive Ferienwohnungen. Für eine stimmungsvolle Rahmung sorgten neu gepflanzte Nadelhölzer und ein Wildgehege. Schloss Drachenburg wurde in eine Art Gesellschaftshaus verwandelt: Im Souterrain befand sich ein Restaurant und die elegant ausgestatteten Räume des Schlosses konnten gegen Entgelt besichtigt werden. Als Souvenirs wurden Postkartenserien und Lithografien mit Außen- und Innenansichten sowie Details der Wandgemälde angeboten.

1910 – Der geplante Volksvergnügungspark

1910 verkaufte Biesenbach das Anwesen an den Rittmeister a. D. Egbert von Simon. Dessen Pläne übertrafen die gemäßigten touristischen Ambitionen seines Vorgängers. Schloss Drachenburg sollte als Freizeitpark Besuchermassen anziehen und damit wirtschaftlich attraktiv werden. Neben einem großen Festspieltheater waren ein Hotel und eine Luftschiffhalle mit Luftschiff für kurze Vergnügungsfahrten vorgesehen. Von Simon konnte die Attraktionen aber nicht finanzieren. Er veranstaltete lediglich Gartenbau- und Kunstausstellungen und betrieb ein Naturtheater. 1915 fiel er im Ersten Weltkrieg.

1923 – Soziales Engagement eines Fabrikanten

Hermann Flohr, der einige Jahre als Mieter das Schloss bewohnt hatte, ersteigerte 1921 den Burghof und 1923 Schloss Drachenburg. Der Kölner Kaufmann und Fabrikant stellte mehrere Blockhäuser dem Frauenverein des Deutschen Roten Kreuzes als Genesungsheim zur Verfügung und nutzte das Schloss als Wochenendresidenz.1930 beschloss er, das Anwesen einem katholischen Orden zu übergeben. Große Teile der Inneneinrichtung wurden versteigert, im Jahr darauf bezogen die Christlichen Schulbrüder das Schloss.

1931 – Christliches Internat. Die Kunsthalle wird Kapelle

Schloss Drachenburg war für den Orden der Christlichen Schulbrüder ein geeigneter Ort, pädagogisch wirksam zu werden. In relativer Abgeschiedenheit eröffneten sie ein Jungeninternat, die Heimschule St. Michael. Als anzüglich empfundene Gestalten wie die Venus auf der gleichnamigen Terrasse oder die Bacchantinnen im Kneipzimmer wurden entfernt bzw. verdeckt. Die Ordensleute verwandelten das ehemalige Trinkstübchen in eine Sakristei und nutzten die neogotische Kunsthalle als Kapelle. Klassenräume befanden sich im Schloss, Schlafstellen für die Jugendlichen in den teilweise umgebauten Blockhäusern. So bot Schloss Drachenburg seinen Bewohnern in einer sehr angespannten Zeit nahezu idyllische Verhältnisse. 1938 musste die Heimschule St. Michael jedoch auf Druck der Nationalsozialisten ihre Pforten schließen.

1942 – Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg

Eine nationalsozialistische Eliteschule, die Adolf-Hitler-Schule (AHS 3), bezog 1942 Schloss Drachenburg. Die nachhaltigste bauliche Veränderung aus dieser Zeit ist die Zerstörung des ursprünglichen Hauptportals. Statt der zierlichen doppelläufigen Treppenanlage, die zu einem giebelbekrönten Portikus führte, wurde der Eingang durch eine breite Treppe monumentalisiert. Auch der Park erfuhr durch Aufschüttungen für das Aufstellen von Geschützen starke Veränderungen. Schließlich geriet das Schloss unter Beschuss. Fast alle Glasmalereien gingen dabei zu Bruch, und die Kunsthalle wurde stark beschädigt. Am Ende des Krieges besetzten amerikanische Truppen das Schloss, später diente es als Flüchtlingsquartier.

1947 – Ein Schulungszentrum belebt das Anwesen

Ein Glück für Schloss Drachenburg, dass die Reichsbahndirektion Wuppertal 1947 das Anwesen für sich als Schulungszentrum entdeckte und anmietete. Die Kunsthalle wurde wiederhergestellt, dabei ihr Dach erneuert und die ursprünglich verglaste Parkseite vermauert, um die Rheinseite ausbessern zu können. Ein maßstabgerechtes Lehrstellwerk bereicherte hier, im größten Raum des Schlosses, den Unterricht. Auch die anderen Räume dienten Schulungszwecken. Der Direktor hatte sein Büro im Nibelungenzimmer. 1960 verlegte die Deutsche Bundesbahn die Schule und verließ Schloss Drachenburg.

1971 – Verfall und Neuanfang, die Ära Spinat

Die kommenden 10 Jahre, von 1960-1970, stand Schloss Drachenburg leer und verfiel zusehends. Die Inneneinrichtung wurde stark in Mitleidenschaft gezogen: die geschnitzten Holzvertäfelungen dienten als Feuerholz, große Partien der Wandgemälde im Treppenhaus, Nibelungen- und Speisezimmer wurden ganz oder in Teilen entwendet. Ein geplanter Abriss konnte 1963 verhindert werden, aber erst 1971 erwarb ein Privatmann das Anwesen. Der Textilkaufmann Paul Spinat ließ das Ensemble wieder instandsetzen und neu ausstatten. Junge Künstler schufen dabei teilweise freie Rekonstruktion der fehlenden Wandmalereien. 1973 machte Spinat Schloss Drachenburg einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Bis zu seinem Tode 1989 residierte der exzentrische Schlossherr, um den sich zahlreiche Geschichten ranken, auf der Drachenburg bzw. im Burghof.

1986 – Denkmalschutz und Restaurierung

1986 wurde Schloss Drachenburg unter Denkmalschutz gestellt. Die dringend erforderlichen Schritte zu einer umfassenden Restaurierung leitete 1989 die Nordrhein-Westfalen-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege ein. Seit 1995 ließ die NRW-Stiftung in enger Kooperation mit dem Land Nordrhein-Westfalen und der Stadt Königswinter das Ensemble Schloss Drachenburg behutsam restaurieren. Die Sonderausstellung "Wegen Renovierung geöffnet – Einblicke in die Baustelle Schloss Drachenburg" informierte die Besucher von 2003 bis 2009 ausführlich über die Restaurierungsarbeiten. Seit Frühjahr 2010 sind die Sanierungsarbeiten im Schloss beendet und alle restaurierten und remöblierten Räume wieder für die Besucher zugänglich. Der Landschaftspark des Ensembles konnte 2011 vollständig fertiggestellt werden.

Schadensbilanz

Im 2. Weltkrieg war vor allem die rheinseitige Westfassade durch Artilleriebeschuss schwer beschädigt worden. Die Mittelkuppel der Kunsthalle wurde nahezu zerstört. Einschusslöcher übersähen bis heute die Fassaden. Die kostbaren Buntglasfenster, die in der Kunsthalle und in den Repräsentationsräumen des Schlosses zu sehen waren, wurden vollständig zerschossen, lediglich das große Treppenhausfenster auf der Ostseite blieb glücklicherweise erhalten. Auch die Ausstattung der historischen Innenräume wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Nach der Einquartierung von alliierten Truppen und Flüchtlingen fehlten große Teile der Wandgemälde, die von den Wänden gerissen und gestohlen wurden.

Erste Sicherungsmaßnahmen erfolgten 1948: Die Kunsthalle erhielt ein Notdach, zerstörte Fenster konnten geschlossen, die Innenräume wieder bewohnbar gemacht werden. Doch bereits 1960 setzte wieder der Verfall ein, als das Schloss für 10 Jahre leer stand und durch Vandalismus und Verwitterung erneut schweren Schaden nahm. Die Instandsetzungsarbeiten in den 1970er Jahren retteten das Schloss vor dem Abriss, eine grundlegende und aus heutiger Sicht denkmalgerechte Sanierung und Restaurierung blieb jedoch aus.

Chronologie der Restaurierung

Ein umfangreiches, 1994 fertiggestelltes Gutachten bildet die Grundlage für die Restaurierungsarbeiten. Im Rahmen der Bestandsaufnahme mussten u.a. Hunderte von detailgetreuen Plänen gefertigt werden, da bis zum heutigen Tage keine Unterlagen aus der Erbauungszeit auffindbar sind.

Zunächst galt es, den Bestand zu sichern und weiterem Verfall vorzubeugen. Alle Ver- und Entsorgungsleitungen mussten erneuert, Wasser-, Strom-, Gas-, Fernmelde- und Abwasserleitungen neu verlegt werden. Jeder Quadratmeter der großen Parkanlage wurde untersucht, steinerne Zeugen der Bauwerksgeschichte gesichert und aufgearbeitet. Feuerwehrzufahrt, Baustraße, Lagerplätze und Zugänge auf historischen Trassen wurden neu geschaffen. Parallel dazu begann die Sanierung der ca. 1,6 km langen Schlossparkmauer.

Terrassenmauer

Als 1995 die Sanierungsarbeiten am Schloss begannen, galt den Fundamenten und der umlaufenden Terrasse die größte Aufmerksamkeit. Die ca. 240 m lange, an der Basis mehr als 2 m mächtige Terrassenmauer besteht aus Bruchsteinmauerwerk mit einer Verblendung aus Natursteinquadern. Durch mangelnde Bauunterhaltung und Witterungsschäden war die Mauer so brüchig geworden, dass Teilbereiche einzustürzen drohten. Bei den Voruntersuchungen zeigte sich, dass sich die Natursteinquader, Trachyt von der benachbarten Wolkenburg, fast vollständig von dem Bruchsteinmauerwerk losgelöst hatte. Bei den dringend erforderlichen Sanierungsarbeiten wurde das lockere Bruchsteinmauerwerk durch Verpressung stabilisiert. Anschließend wurde eine Betonschale vor das Bruchsteinmauerwerk gesetzt und mit diesem fest verankert. Die Betonschale wurde anschließend mit detailgetreu rekonstruierten Natursteinquadern verblendet, um der Terrassenmauer ihre ursprüngliche Optik zurückzugeben. Für die Verblendung musste auf Trachytsteine aus dem Westerwald zurückgegriffen werden, da die bauzeitlichen Steinbrüche im Siebengebirge schon seit langem geschlossen sind und heute im Naturschutzgebiet liegen. Für die Mauerkrone konnten die originalen Werksteine wiederverwendet werden.

Venusterrasse

Im Zuge der Sanierung der Terrassenmauer wurde 1999 auch die Venusterrasse vor der südlichen Schlossfassade denkmalgerecht rekonstruiert. Die Terrasse mit der historischen Brunnenanlage erhielt eine Reihe kastenförmig geschnittener Lindenbäume, eine Rasenfläche mit Rosenstöcken und ein kegelförmiges Schmuckbeet, das gemäß der Gartenkunst der Gründerzeit in geometrischen Formen alljährlich bunt bepflanzt wird. Der Venusbrunnen konnte wieder in Betrieb genommen werden, so dass heute erneut das Wasser aus Löwenmasken in die zwei darunterliegenden Schalen plätschert.

Kunsthalle

In den Jahren 2001 bis 2004 wurde die prachtvolle Kunsthalle instandgesetzt. Sie war im 2. Weltkrieg besonders schwer getroffen worden. Die zentrale Mittelkuppel mit der charakteristischen Turmspitze war so stark beschädigt, dass sie 1948 abgetragen werden musste. Die entstandene Baulücke wurde mit einem Notdach gesichert, das innen liegende Gewölbe provisorisch hergestellt. Im Zuge der Restaurierung wurden auch die Maßwerkfenster erneuert, so dass die Fassaden nun wieder vollständig durchfenstert sind. Die zerstörte Dachlandschaft konnten 2002 nach umfangreichen Vorarbeiten rekonstruiert werden. Die Kuppel mitsamt Gewölbe wurde vor Ort neu errichtet. Die Kuppelspitze, im Ganzen gefertigt und angeliefert, wurde im August unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit mit einem Kran auf die Kuppel aufgesetzt.

Wohntrakt

Mit der Restaurierung des Wohntraktes begann der aufwändigste Abschnitt der Arbeiten. Neben der dringend notwendigen Außensanierung mussten die historischen Innenräume mit ihren Wandgemälden, Vertäfelungen, Fußböden und Prunkdecken restauriert werden. Im Jahr 2007 wurden die aufwändigen Restaurierungsarbeiten in Nibelungenzimmer, Bibliothek und Billardzimmer fertig gestellt. Im April 2009 konnten das Privat-Appartement mit Schlafzimmer, Toilettezimmer und Frühstückszimmer sowie der Musiksaal eröffnet werden und seit Juli 2009 bietet auch das Ehrenfremden-Appartement mit zwei Schlafzimmern und einem Wohnzimmer einen authentischen Einblick in die großbürgerlich-herrschaftliche Wohnkultur der Gründerzeit.

Als letzter Bauabschnitt wurden das Speisezimmer, das Jagd- und Frühstückszimmer sowie das Haupttreppenhaus restauriert. Seit Frühjahr 2010 sind auch diese Bereiche für die Besucher geöffnet.

Vorburg

Die unterhalb des Schlosses gelegene Vorburg wurde in den Jahren 1997 bis 2000 saniert und zur musealen Nutzung um- und ausgebaut. Heute befindet sich dort das Museum, Forum und Archiv zur Geschichte des Naturschutzes in Deutschland. 2008 wurde beschlossen, die historische Anreisesituation auf das Gelände wiederherzustellen. Die Vorburg dient nun auch als Eingangsportal mit Kasse, Schlossladen und einem Bistro.